„Ukulele-Jagd“ in E-Haarzopf

img_444113.09.16 Die Hitze flimmert auf dem idyllischen Schulhof der Behelfsunterkunft Hatzper Straße. Bevor die Kinder aus der Schule kommen, trinken wir noch einen Kaffee in der Kantine. Frau Mazza (Einrichtungsleiterin) erzählt, die Auslastung sei mit 73 weniger als die Hälfte. In letzter Zeit seien viele weggegangen – in eigene Wohnungen oder in die Heimat zurück.

Wir bauen die Bühne im Grünen, nah an einer Kletterwand, zwei MitarbeiterInnen eines EHC-Tochterunternehmens für Kinderbetreuung helfen uns. BewohnerInnen sitzen im Schatten, in den Wohn-Containern ist es heiß.  Den Show-Beginn des 5. von Interkultur Ruhr geförderten Projekts Clowntheater für geflüchtete Kinder haben wir um eine halbe Stunde nach hinten verschoben, sonst ist es so knapp nach dem Mittagessen.

Das neugierige Publikum aus 11 Kindern hat sich durch den Besuch aus der benachbarten Übergangseinrichtung „Auf’m Bögel“ der Diakonie verdoppelt. So warten 22 Kinder img_4478und einige Erwachsene auf das Erscheinen der Clownin. Während ich mich im Flur eines Wohn-Containers verstecke,  begrüßt Nicole das Publikum souverän mit dem Zylinder. „Lotte – Lotte – Lotte“ und ich renne in die Sonne. Wir staunen uns lächelnd an und die Show beginnt. Diese Kinder können noch nicht so viel deutsch wie die Kinder in den bisherigen Einrichtungen, sie sprechen zögernd nach, fassen Mut, singen mit, kichern, feuern an und klatschen. Alle verfolgen aufmerksam das mehrmalige Unterbrechen durch ein größeres Kind (ca. 12?), das zielstrebig zur Ukulele geht und sie auch nur unter lautstarkem Protest loslässt. Schließlich nimimg_4516mt sich die Mutter liebevoll ihrer Tochter an. Sie jagd nur noch einmal auf die Bühne: LOTTE ist mitten im Mondflug, aber schneller. Sie fliegt kurzerhand einen Umweg, schnappt die Ukulele mit spielerischer Schadenfreude und bringt sie schnurstracks außer Reichweite. Diesmal ist das Mädchen nur verdutzt, bleibt ruhig, und fliegt zusammen mit ihrer Mutter mit zum Mond – mit Begeisterung!

Die Sonne wandert und die kleinen roten Stühle werden peu à peu in den Schatten versetzt. Nach der Zugabe bleiben die Kinder einfach sitzen. Lotte läuft in ihr Anfangs-Versteck und wartet, was passiert. Überaschend wird sie wieder gerufen „Lotte – img_4580Lotte – Lotte“, diesmal mit Applaus und Jubel. Lotte rennt los, lädt zum rhythmischen Klatschen ein, geht saxophonspielend durch die Reihen und versucht, jedem Kind einmal verschmitzt in die Augen zu schauen. Die Augenpaare blitzen lächelnd und staunend zurück!

Dann ist die Show wirklich aus. Der Walkact lässt noch Seifenblasen fliegen, die Spritzkamera erfrischt und ein älteres Mädchen (11?) bettelt, Saxophon und Ukulele spielen zu dürfen. Nein! Dann eben noch einen Ballon. Und noch einen! – Wir erfahren hinterher, dass sie zu den drei Anführerinnen im Camp gehört, die nicht auf die Erzieher hören wollen. Unser Nein wird schärfer und wir packen lieber ein. Am Ende verrät gerade dieses Mädchen der Clownin, dass ein kimg_4598leineres Mädchen das entzückende Schirmchen mitgenommen hat. Lotte rennt hinterher. Puh, was ist hier heute los! Ist es die Hitze? Lotte muss endlich was trinken und setzt sich auf ein rotes Stühlchen zu zwei Müttern. Sie lernt „Hallo“ auf kurdisch und arabisch. Zuvor waren ihr nacheinander ein 2- und 3-monatiges Baby in den Arm gedrückt worden für „Fotomachen“. So zarte neue Menschen! Die Mütter schicken diese Bilder bestimmt in die Heimat, und hoffen, dass die Fröhlichkeit der Clownin das Leben der Babies leiten möge. Das hoffe ich auch – von ganzem Herzen!

Alle bedanken sich, ich treffe beim Autobeladen nochmal die Mutter der „Ukulele-Jägerin“. Sie hofft, Freitag eine Wohnung anschauen zu dürfen. Ihr Dank an mich hört kaum auf. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute! Frau Mazza stellt mich noch einem Security-Mitarbeiter vor, der „doch so gerne auch zugeschaut hätte“, aber er kam erst jetzt zur Spätschicht – Zack, wenigstens img_4603eine Konfettidusche aufs Haupt. Wir lachen beim Abschied.

Meine Begleiterin Nicole und ich sind k.o., tauschen unsere Eindrücke wie immer im Café aus. Diesmal brauche ich ein paar Tage länger zur Verarbeitung. Mir war zwar klar, dass die Bewohner kaum Privat-Sphäre haben, aber der kurze Moment im Flur des Containers ließ  es mich spüren: statt Türen sah ich 3 Vorhänge und die etwa 1,90 m hohen Abtrennungen reichten nicht mal bis zur Decke, es gab also keinen Hörschutz… Ich werde das beklemmende Gefühl lange nicht los. Der Gedanke an Patch Adams Erzählungen von Besuchen in Kinderkrankenhäusern in Afghanischen Krisengebieten gibt mir irgendwie Trost: Erst als Arzt hinein, dann darüber Weinen, dann als Clown Spaß verbreiten. Ich hatte zum Weinen zwischendurch nur keine Zeit.

Hier ist die Übersicht über alle Auftritte!   ___ Der nächste Auftritt ist in Essen-Stoppenberg!

Aufgrund von Persönlichkeitsrechten darf ich keine strahlenden Kinderaugen abbilden – die müssen Sie sich bitte vorstellen!

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